Kurzinterview
Wie und wann bist du zum Schreiben gekommen?
Als Kind. Mein erstes Comicheft hieß: „Max, der stärkste Vogel der Welt“, ist 1985 entstanden und hat 30 Seiten. Die Hauptfigur ist ein Spatz, der Superkräfte bekommt, wenn er frische Pfefferminze ißt. Er hat einen ewigen Widersacher („Goliath“), und ist in die eigene Kousine verliebt ist. Die ersten Kurzgeschichten über Steinzeitmenschen, Dinosaurier, Mumien und Außerirdische habe ich auf der elektrischen Schreibmaschine meiner Mutter im weiteren Verlauf der Grundschule geschrieben und mit zwölf entdeckte ich den „Herr der Ringe“. Im Folgejahr schrieb ich wie besessen ein eigenes Epos mit hunderten Seiten, das natürlich niemand je gelesen hat. Seitdem prallte aber jeder gutgemeinte alternative Berufsvorschlag bis heute von mir ab.
Wie entstehen deine Geschichten?
Ich verziehe mich in mein Arbeitszimmer, mache das Radio und den Computer an und schließe die Tür. Ab und zu gehe ich runter zum „Rosenback“, um mir ein Splitterbrötchen zu kaufen. Wesentlich sind viel Zeit und Ruhe. Paradoxerweise geht es oft schneller, wenn ich wenig Zeit habe und ständig jemand ins Zimmer kommt, oder anruft. Notizen für Ideen mache ich selten, weil ich keine Lust habe, die ordentlich zu sortieren.
Was hast du für Pläne für die Zukunft?
Zu viele, fürchte ich, um alle zu verwirklichen. Weiterhin versuche ich, mehr ins Internet zu stellen als Kollege Nils Heinrich. Dann könnte ich mal wieder einen Film machen, oder ich schreibe an einem der halbfertigen Romane weiter (Freunde und Bekannte dürfen jetzt einmal schallend und bösartig lachen). Außerdem zeichne ich wieder und versuche mich selbst zum Klatschkolumnisten umzuschulen. Das Fotografieren kam in den letzten Monaten auch etwas kurz. Das wichtigste ist ganz unromantisch: von dem was ich mache, unbeschwerter leben zu können. Leider muß ich immer noch auf irgendwelche Baustellen, oder auf Montage, um übers Jahr zu kommen. Allerdings stelle ich mich auch noch zu doof an und verpasse wahrscheinlich ständig Gelegenheiten, Sachen zu veröffentlichen oder gefördert zu werden.
Hast du ein Vorbild?
Nein. Oder viele. Die kleinstmögliche Auswahl: Bruce Chatwin, Stanley Kubrick, Douglas Adams, Gott, Goethe und Thomas Kapielski.
Was machst du sonst so?
Äh… den Fernseher meiden und mich bei Freunden entschuldigen, daß ich mich lange nicht gemeldet habe. Sonst: Tee trinken, Fahrrad fahren und Liebe.
Dinge, die du gern öfter tätest.
Reisen. Am liebsten ständig.
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Verliebt in die Frau aus dem Supermarkt
Eine Kurzgeschichte von Frank Sorge
Verliebt in die Frau aus dem Supermarkt, in die Frau an den Regalen. Den Quark räumt sie ein, und die Milch und den Käse, und wenn ich die Eier vom Stapel, die Eier vom Stapel nehme, dann schaue ich hier heimlich zu, heimlich zu ihr und sie schaut zurück. Was soll ich machen, was soll ich nur machen? Ich geb ihr die leergetrunkenen Flaschen, und sie stellt sie weg, verliebt in die Frau im Supermarkt, die meine leergetrunkenen Bierflaschen wegstellt, in Kästen sortiert, bunte Kästen, Küstenpils und Tscheschenbrause. Verliebt in die Frau aus dem Supermarkt, in die Frau an den Flaschen, sie gibt mir einen Bon raus, einen Bonbon, Pfandbon, Liebespfandbon, sie schreibt sogar ihren Namen drauf: „Fnin?“ „Fnen?“ „Flin?“ Ich kanns nicht lesen, sie lächelt, ich gehe, sie lächelt mir heimlich zu.
Die Frau an den Regalen im Supermarkt. Wenn ich Toastbrot hole, wenn ich Toastbrot hole, die billige Sorte, dann räumt sie Kuchen, Marmorkuchen in die Regale, wenn ich Toastbrot hole, begegnen wir uns im Gang, im Supermarktgang und werden nervös und ganz zappelig. „Hallo!“ sag ich da und laß das Toastbrot fallen. „Hallo!“ sagt sie und klebt sich ein Preisschild auf die Stirn. 1 Euro 29. Und ich geh um die Ecke und lächle ihr heimlich zu, heimlich zu und sie lächelt zurück. Morgens gehe ich aus dem Haus, aus dem Haus raus auf die Straße und hab Blumen im Haar, duftende Blumen im Haar und ich hüpfe beschwingt über den Bürgersteig, und hab frisch geduscht, morgens nach draußen, Wind, Schnee und Hagel egal, sind nur drei Häuser, dann bin ich im Supermarkt, verliebt in die Frau aus dem Supermarkt.
Wenn sie im Urlaub ist, geht es mir schlecht und ich steh traurig bei den Süßigkeiten und schaue nach dem Warenausgang, dem dunklen Warenausgang, wo manchmal auch Waren rauskommen, aber nicht sie. Ist sie wieder da, weiß ich wieder nicht: Was soll ich machen, was soll ich nur machen? Ich geb ihr die leergetrunkenen Flaschen, und sie stellt sie weg, verliebt in die Frau im Supermarkt, die meine leergetrunkenen Bierflaschen wegstellt, die meinen Quark sortiert, und den Käse, die Trauben am Obststand auflädt, die mich spät noch schnell reinläßt. „Jetzt aber schnell!“, sagt sie da.
Verliebt in die Frau aus dem Supermarkt, was soll ich nur machen, den Pfandbon, den Liebespfandbon geb ich an der Kasse weg, weg ist der Name. „Filn?“ „Funn?“ „Flei?“ Bis zuletzt konnt ich’s nicht lesen, verliebt in die Frau, die meine leergetrunkenen Bierflaschen wegstellt und ich lasse alles an der Kasse stehen, rufe: „Ich hab was vergessen!“ und renne, und renne, Regale links rechts, laß ich links liegen, ich sprinte nach hinten, nach hinten, zum Warenausgang, zum Warenausgang, aber da ist nur noch der Meyer: „Hallo Herr Meyer!“, ich kauf ein paar Kerzen und gehe zurück, wo ist sie hin? Ist nach hinten, Kosmetik aufladen, oder den Beaujolais, den wir einsam trinken, der Beaujolais für uns zwei, ich nehm gleich mal einen, einen mit für uns zwei. Und dann gehe ich nach vorne, sage „Tschuldigung!“, nehme die Sachen und brauche doch nichts davon, bin nur verliebt in die Frau vom Supermarkt. „Tschüß“, sage ich, gehe zur Tür, noch ein Blick über die Schulter, da ist sie, ganz hinten und sieht noch mal her!
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