FU-Berlin, Fb Germanistik Frank
Sorge
SS 1998 Fritz-Erler-Allee
67a
GK C: Faszination des
Extrems 12351
Berlin
Dozent: Dr. Michael Jaeger ImN:
3222320
B.Brecht: Über eine nichtaristotelische Dramatik
-Politk und Dramentheorie-
0.
Einleitung S.1
1.
Kritik
der Einfühlung S.1
2.
Der
Philosoph im Theater S.5
3.
Das
epische Theater S.7
4.
Literatur S.9
0. Einleitung
Die lose Sammlung kurzer,
teils fragmentarischer, Abhandlungen über eine neue Poetik und Dramentheorie
unter dem Stichwort nichtaristotelischer Dramatik entstanden 1936 nach langer
Entwicklung und praktischen Theaterarbeit an den Konzepten von Lehrstück und
epischem Theater und scheinen die Praxis in einer großen Abhandlung theoretisch
zusammenzufassen und untermauern zu wollen.
Begründet wird die
theoretische Erklärungsbedürftigkeit dieser Arbeit zum Einen durch die implizit
neue, moderne, nichtklassische Form, den deutlichen Bruch mit der
Theatertradition, aber auch und gerade, und dafür mache ich diesen Gedanken
überhaupt erst auf, mit der Auffassung, einer Veränderung der
gesellschaftlichen Verhältnisse müsse auch für Aufgabe und Form des Theaters,
als einer Form öffentlicher Äußerung, parallel eine Veränderung folgen, es
müsse auf neue Verhältnisse reagieren. Mit dem Fortschritt der Gesellschaft
laufe notwendigerweise auch ein Fortschritt des Theaters einher.[1]
Hieraus möchte ich
meinerseits das Anliegen meiner Arbeit begründen: Wie eng ist die Beziehung
politischer Anschauungen Brechts mit dem theoretischen Unterbau des Theaters in
den thematisierten Schriften geknüpft? Ist nicht schon gerade zusammengefaßte Begründung
geprägt von Brechts Marx und Marxismus Studien, sind die Grundlagen Brechts
Argumentation die Grundlagen des dialektischen Materialismus? Wie sind die
radikalen Anschauungen Lenins, das revolutionäre Konzept, für die
Theatertheorie nutzbar gemacht und umgeformt?
Aus dem Verdacht, daß
Politik und Dramentheorie von Brecht gewollt aufs engste verknüpft werden[2],
mache ich meine Aufgabe, neben der Textanalyse eben dieses Verhältnis in den
Abschnittsammlungen Kritik der Einfühlung,
Der Philosoph im Theater und Das epische Theater nachzuweisen.
1.
Kritik
der Einfühlung
Für die Definition der neuen
Dramentheorie deutet Brecht schon in der Namensgebung „nicht-aristotelische“
Dramatik die ersten Merkmale an: Aristoteles Poetik, als Grundlage
traditioneller Dramatik wird verabschiedet und verneint. Daß Aristoteles als
Idealist gilt, trotzdem er sich in Kritik an Plato durchaus materialistisch die
Materie ursprünglich gegenüber dem Denken und den Begriffen vorstellt, sei hier
erst einmal unkommentiert eingeschoben.
Weil „von größtem
gesellschaftlichen Interesse“ ist die Abgrenzung zu Aristoteles auf den Zweck
der Tragödie, die Katharsis, fokussiert, „die Reinigung des Zuschauers von
Furcht und Mitleid durch die Nachahmung von furcht- und mitleiderregenden
Handlungen. Diese Reinigung erfolgt auf Grund eines eigentümlichen psychischen
Aktes, der Einfühlung...“[3]
Einfühlung und Katharsis bei
den Griechen, so ein erster Verdacht, funktionieren jedoch unter bestimmten
Bedingungen: „Eine völlig freie, kritische, auf rein irdische
Lösungen von Schwierigkeiten bedachte Haltung des Zuschauers ist keine Basis
für eine Katharsis.“[4]
Wendet man die
unterstrichenen Begriffe, scheint sich ein erster Vorwurf auf die
aristotelische Dramatik zu formulieren: befangen(unfrei), unkritisch und
religiös. Sucht man nach diesen Vorwürfen, wird man bald fündig.
Gleich im nächsten
Abschnitt, dem vierten der [Kritik der >>Poetik<< des Aristoteles]
äußert Brecht, der Verzicht auf die Einfühlung sei nötig, weil sie den
notwendig scharfem Klassenkampf beschwichtigen würde. Außerdem spräche „nicht
viel dafür, daß die Einfühlung ihren alten Platz wieder erhält, sowenig wie die
Religiösität, von der sie eine Form ist.“[5]
Oder an anderer Stelle: „Die
theatralischen Künste liquidieren damit die Reste des Kultischen, die
ihnen noch aus früheren Epochen anhaften, treten aber auch aus dem Stadium, in
dem sie die Welt interpretieren halfen, in das Stadium, in dem sie verändern
helfen.“[6]
Das Religiöse am Prinzip von
Katharsis durch Einfühlung wird der aristotelischen Dramatik vorgeworfen.[7]
Und warum? „Sie (die Religiösität; F.S.) verdankt ihre Abfaulung sicherlich der
allgemeineren Fäulnis unserer Gesellschaftsordnung,...“[8]
Außerdem, und hier hole ich
die Bemerkung, Aristoteles gelte als Idealist, wieder hervor, steht Religion,
oder generell Metaphysik, untrennbar an
den Idealismus geknüpft, der für den Materialismus ja gerade Gegensatz ist, die
Dialektik auf der Seite des Materialismus der Religion gegenüberstehend. Im
Sinne meiner Aufgabe heißt das, das Gegensätzliche in der Dramentheorie hat
seine Entsprechung in der marxistisch-philosophischen und damit auch in der
politischen Theorie.
Dazu eine Stelle aus Brechts
Studium des Marxismus: „Die
Idealisten finden oft, dem Materialismus fehle, damit sie ihn gutheißen
könnten, nur etwas - Idealistisches! Zum Beispiel das Religiöse.“[9]
Bleiben also noch die
Vorwürfe „befangen(unfrei)“ und „unkritisch“ unbelegt.
Auch hier braucht man nicht
weit zu schauen. Befangenheit in der Aufnahme des Kunstwerkes, oder besser
Führung und Beeinflussung des Zuschauers in der Übermittlung und damit
Verhinderung von Kritik wird der alten Theaterpraxis in den Thesen über die Aufgabe der Einfühlung in
den theatralischen Künsten vorgeworfen. „Die theatralischen
Künste[...]müssen ihr Monopol auf die keinen Widerspruch und keine Kritik
duldende Führung des Zuschauers aufgeben und Darstellungen des
gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen anstreben, die dem Zuschauer
eine kritische, eventuell widersprechende Haltung sowohl den dargestellten
Vorgängen als auch der Darstellung gegenüber ermöglichen, ja organisieren.“[10]
Aus diesen Vorwürfen ergibt
sich auch ein wichtiger Aspekt der dramatischen Theorie Brechts, die Koppelung
von Emotion und Interesse im Theater. „Sie (die Theorie, F.S.) verändert
allerdings schonungslos die gesellschaftliche Rolle der Emotionen,
welche diese heute zum Vorteil der Herrschenden spielen.[...]Eine auf
die Einfühlung weitgehend verzichtende Darstellung wird eine Parteinahme auf
Grund erkannter Interessen gestatten, und zwar eine Parteinahme, deren gefühlsmäßige
Seite im Einklang steht mit ihrer kritischen Seite.“[11]
In dem Abschnitt Über rationellen und emotionellen Standpunkt
scheint es noch, als sei die Betonung des Rationellen und die ausschließliche
Koppelung der Emotionen an das Rationelle nur Begründung des Lehrstückes. Im Abschnitt Über praktikabel definierte Situationen in
der Dramatik, enthüllt sich aber das Ziel dieser Verbindung. Wie schon im
Titel durch praktikabel angedeutet,
der Nutzen.
Hier geht es Brecht um die
proletarischen Schichten als Zuschauer, und ihre Reaktion auf durch das Stück ausgelöste Emotionen. Im Stück
geschilderte Mißstände sollen nicht nur beklagt, nicht nur die Schilderungen
betrachtet werden, der Blick soll sich auf das Geschilderte wenden, auf die
Mißstände und eine Aktion der Zuschauer auslösen, die gegen den Mißstand
angeht. Zum Beispiel eine Kampagne. Das kann nach Brecht nur eine
nichtaristotelische Dramatik, eine möglichst genaue Beschreibung der
Wirklichkeit in ihren Zusammenhängen im Theater. Aktionen werden nur ausgelöst,
wenn Interesse und Emotion sich decken. Da das in aristotelischen Stück nur
zufällig passiert, weil in ihr Emotionen ohne das Interesse, hier die Kenntnis
sozialer Kausalkomplexe, ausgelöst werden, in Brechts Vokabular unreine
Emotionen, muß es sich die nichtaristotelische Dramatik zur Aufgabe machen,
eben jene Kenntnisse im Stück zu vermitteln und so an die emotionelle Seite des
Stückes zu knüpfen.
Wenn man den Marxismus
wieder als theoretischen Hintergrund sieht, kann und muß die Reaktion der,
nicht nur gedachten, proletarischen Schichten gegenüber den, realen,
Mißständen, muß natürlich die Revolution gemeint sein. Die Vermittlung der
Kenntnisse über die gesellschaftlichen Zusammenhänge eines Mißstandes hängen
eng mit der Forderung in den Marxistischen
Studien Brechts: „Aber man muß sie (die Arbeiter, F.S.) politisieren in
ihrer eigenen Sphäre, jeden Nerv an ihnen, jeden Gehirnstrang.“[12]
Und zwar, um „sie auf aktive Politik zu verweisen.“[13]
Und etwas weiter: „Die wirklichen Revolutionen werden nicht (wie in der
bourgeoisen Geschichtsschreibung) durch Gefühle, sondern durch Interessen
erzeugt.“[14]
Die Wirklichkeit, die
Mißstände, so genau wie möglich als Illusion in das Theater zu holen,
verhindert jedoch auch die Kritik, denn sie begünstigt eine Einfühlung und
lähmt Phantasie und Erfindung.
„Die Realität muß, bei aller
Komplettheit, schon durch eine künstlerische Gestaltung verändert sein, damit
sie als veränderbar erkannt und behandelt werden kann. Und das ist der Grund
unserer Natürlichkeitsforderung: Wir wünschen die Natur unseres Zusammenlebens
zu verändern.“[15]
2.
Der
Philosoph im Theater
Der Zusammenhang von Theater
und Philosophie ist dann Thema des Unterabschnittes [Das Interesse der
Philosophen]. Es besteht im gleichen Interesse an menschlichem Benehmen,
menschlichen Anschauungen und Folgen menschlicher Handlungen.[16]
Über die Philosophie wird an
das schon in der Kritik der Einfühlung
benannte Stärken der rationellen Seite des Theaters im Lehrstück angeschlossen.
Die Art, im Theater zu
philosophieren ist jedoch für Brecht eine ausgesprochen andere als die der
traditionellen Philosophie.
Metaphysik und Denken über
Begriffe sind keine relevanten Themen[17],
zumal und gerade, obwohl nicht deutlich ausgesprochen, sie ja Kernthemen
idealistischer Philosophie sind, ebenso wie die zitierten theaterinteressierten
Philosophen, und philosophischen Stückeschreiber abgesehen von Bacon dem
Idealismus zuzurechnen sind. Also natürlich nicht für eine materialistische
Dramentheorie relevant.
Außerdem: „Der dialektische
Materialismus >braucht keine über den andern Wissenschaften stehende Philosophie
mehr.< Was von der bestehenden Lehre noch bestehen bleibt, ist >die Lehre
vom Denken und seinen Gesetzen - die formale Logik und die Dialektik.<[18]
Brecht geht es aber auch
nicht um spezifische philosophische Probleme des marxschen dialektischen
Materialismus, vielmehr um die konkrete Problematik des Klassenkampfes und dem
Lösen der Probleme der Arbeiterklasse.Ein „praktisches und auf das Nützliche
gerichtetes Interesse“ an der Philosophie, „...und nur, soweit die Begriffe der
akademischen und gelehrten Philosophie Griffe sind, an denen sich die Dinge
drehen lassen[...] Und wenn das Nützliche etwas Prosaisches haben sollte, so
müssen wir das Prosaische mit neuen Augen ansehen und lieber auf das Poetische
verzichten, als es ihm erlassen, nützlich zu sein.“[19]
Wieder ist Poetik und
Politik verquickt, unter den Stichworten praktisch,
nützlich und von Begriffen auf Dinge weisen. Gerade das letztere ist wieder
eindeutig Grundlage den Materialismus, der hier Grundlage der Dramentheorie
ist. Offengelassen wird: nützlich wofür?
Auch der folgende Abschnitt
[Über das Theatermachen] nähert sich nur, behutsam und beredt diesem Wofür?
Die Vorgänge im Theater
müssen einer Kritik unterworfen werden, eben weil sie Vorgänge aus dem Leben
zeigt, die im Leben kritisch und mißtrauisch betrachtet werden. Hier findet
sich der Vorwurf wieder, das aristotelische Drama verhindere die Kritik. Jedoch
ist hier nicht die Einfühlung oder ein Herrschaftsinteresse der Grund, sondern
die Tradition, die das Drama nicht den Erkenntnissen der Wissenschaft öffnet. „Wir
begnügen uns mit dem Vergnügen, das wir empfinden, wenn wir die Welt im Auge
eines besonderen Mitmenschen groß gespiegelt sehen, und stellen so einigen
begabten Temperamenten einen Freibrief auf für jedwede Gestaltung der Welt, die
ihm gestattet, seine Empfindungen voll auf uns zu übertragen.“[20]
Interessant ist hierbei, daß
diese Stelle durchtränkt ist mit Begriffen der Klassik, also einer bürgerlichen
Tradition, sie färben diesen Gedanken so stark ein, daß man vermuten darf, für
ein modernes materialistisches Theater könnten andere Maßstäbe gelten.[21]
Brecht beschreibt sein
Theater in der Funktion begrenzt auf öffentliche Äußerung über öffentliche
Angelegenheiten und für seine Äußerungen sei die Anwendung aller
wissenschaftlicher Erkenntnisse unabdingbar. Damit ist aber der Unterschied zur
Wissenschaft selbst eigentlich nicht mehr vorhanden, die Kunst aus dem Theater
verbannt.
Als Wissenschaft und als
Philosophie ist das Wofür? zu beantworten
mit dem Eingreifen in die determinierte Welt der Notwendigkeiten, indem man diese
erkennt und sich in die bestimmenden Faktoren einschaltet. Hier, in den
[Vorgängen hinter den Vorgängen], auf das Theater gemünzt: Schicksal, Geflecht
gesellschaftlicher Beziehungen zwischen Menschen.
Um dargestellte Vorgänge im
Theater von ihrer Selbstverständlichkeit, Schicksalhaftigkeit und Zufälligkeit
zu entzaubern, und so überhaupt erst den Blick auf die Zusammenhänge freizugeben,
das menschliche Wesen als Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse begreifen zu
können, bedarf es nach Brecht der Verfremdung der dargestellten Vorgänge. Eine mit
ihr erwirkte Distanz, um die Eingebundenheit in die Zusammenhänge aufdecken und
die Perspektive wechseln zu können. Ist hierüber die Notwendigkeit einer Sache
aus ihren bestimmenden Bedingungen erkannt, ist laut Brecht eine Kunst[22]
erreicht, die Welt so zu zeigen, daß sie beherrschbar wird.
Wie kann das aber sein? Wie
kann in einer determinierten Welt, in der jeder dieser Determinierung
unterliegt, Aktion überhaupt Sinn machen, wie kann von Beherrschung und
Einschalten/Eingreifen die Rede sein? Ist Aktion nicht von vornherein keine
freie Entscheidung, weil sie eben auch determiniert ist?
Hierzu: „ >Blind ist die Notwendigkeit nur,
insofern dieselbe nicht begriffen wird.< >Die Freiheit< ist >die
Einsicht in die Notwendigkeit.< (Engels im „Anti-Dühring.)
Das besagt: die Anerkennung
der objektiven Gesetzmäßigkeit der Natur und der dialektischen Verwandlung der
Notwendigkeit in die Freiheit.“[23]
Die Erklärung liegt also in
der dialektischen Verwandlung, eine höchst unklar bleibende Erklärung.
In Hinsicht auf die
Revolution und der Rechtfertigung propagandistischer Arbeit, wie sie z.B. in Brechts:
Die Maßnahme geschieht, ist hier jedoch ein Schema gefunden. Die Notwendigkeit
der gesellschaftlichen Veränderungen, der Revolution, dem Klassenkampf etc.
besteht, der zur Einsicht in diese Notwendigkeit gebrachte Zuschauer eines
entsprechenden Stückes wird für die Arbeit an den Zielen der Notwendigkeiten,
dem gesellschaftlichen Umbau, aktiviert. In der Einsicht liegt die Freiheit.
Die Freiheit, sich in die Notwendigkeit einzuordnen.[24]
„Aber das Problem
Determinismus-Indeterminismus ist für alle marxistischen Denker unlösbar. Auch
Marx wollte die ökonomische Determination der Welt aufdecken, während er
gleichzeitig damit das Proletariat aufforderte, sich zu erheben; er wies den
freien Willen ab, während er gleichzeitig an ihn appellierte.“[25]
3.
Das
epische Theater
Dieser Abschnitt scheint
vorangegangene Themen und Theorie nun konkret in den Möglichkeiten und der
Praxis aufnehmen zu wollen.
Der gleichnamige
Unterabschnitt spricht von den Merkmalen und der Bauart der Form so bezeichneter
Stücke: Erzählende, epische, Elemente werden dem Drama eingegliedert,
hauptsächlich zum Zweck, dokumentarisches Material, z.B. über Projektionen in das
Stück zu integrieren. Damit ist zum einen Abstand zu dem Gespielten gewonnen,
außerdem macht die Komplexität der gezeigten Vorgänge es notwendig, über das
Spielbare Hintergrundmaterial, Statistiken etc. zu liefern, um es begreifen zu
können.
Weiterhin ist Merkmal des
Epischen nach Döblin, daß man Epik „im Gegensatz zu Dramatik sozusagen mit der
Schere in einzelne Stücke schneiden (kann, F.S.), welche durchaus lebensfähig
bleiben.“[26]
Die dramatische Bauweise, „die
starke Zentralisation einer Fabel, ein Moment des Aufeinanderangewiesenseins
der einzelnen Teile.“[27]
verwische die Zusammenhänge, werde den komplexen Vorgängen nicht mehr gerecht.
Dementsprechend soll auch die Umwelt der Menschen als selbständiges Element
gezeigt werden, und nicht nur von der Mittelpunktsfigur aus. Durch Distanz und
Abstand zum Gezeigten, soll das kritiklose Entgegennehmen völlig verhindert
werden. „Das >>Natürliche<< mußte das Moment des Auffälligen bekommen. Nur so konnten die
Gesetze von Ursache und Wirkung zutage treten.“[28]
Im lehrhaften Theater[29]
sollte die Welt nicht nur erklärt, sondern als veränderbar gezeigt werden, Lust
am Lernen besteht gerade für „Schichten, die >>noch nicht dran
waren<<, die unzufrieden mit den Verhältnissen sind, ein ungeheures
praktisches Interesse am Lernen haben, sich unbedingt orientieren wollen, wissen,
daß sie ohne Lernen verloren sind.“[30]
Zielgruppe sind klar die
proletarischen Schichten, die zu Aktion im Sinne der Revolution gebracht werden
sollen.
Der Abschnitt schließt mit
der Frage nach moralischen Anliegen in der Dramentheorie, sei sein Drama etwa „moralische
Anstalt“, wie Schiller für seine Schaubühne forderte?
Brecht verneint nicht, daß
Moral im epischen Theater existiere, wenn „sich viele mit der Behauptung, es
sei zu moralisch.“gegen das epische Theater wenden. „Dabei traten beim epischen
Theater moralische Erörterungen erst an zweiter Stelle auf. Es wollte weniger
moralisieren als studieren.“[31]
Brecht stellt in seiner
Erläuterung die Mißstände und schwer ertragbaren Zustände, die Dinge, vor den
Begriff, die Moral. Erläutert also wieder deutlich aus der materialistischen
Position, daß der Begriff durchaus wandelbar ist, in der gleichen Situation,
wenn er auf Menschen in unter unterschiedlichen Verhältnissen gebraucht werden
soll. So bei Geschädigten und Schädigern.
Die Moral sei als Begriff
natürlich zweitrangig gegenüber der Sachlage. Das Ding bestimmt den Begriff.
Ich schließe meine Arbeit
mit einem weiteren Indiz für meinen Versuch, dem letzten Absatz des
Abschnittes:
„Das epische Theater
ist der breiteste und weitestgehende Versuch zu modernem großem Theater, und es
hat alle die riesigen Schwierigkeiten zu überwinden, die alle
lebendigen Kräfte auf dem Gebiet der Politik, Philosophie, Wissenschaft
und Kunst zu überwinden haben.“[32]
4.
Literatur
-BRECHT1: B. Brecht: Poetik
und Dramentheorie. Gesammelte Werke Bd.15. Frankfurt 1967. S.240-273
-BRECHT2: B. Brecht: Studium
des Marxismus. Gesammelte Werke Bd.20. Frankfurt 1967. S.46-71
-HULTBERG, Helge: Die
ästhetischen Anschauungen Bertolt Brechts. Kopenhagen 1962
- LAW in 12 Bdn., Bd.XI; Die theoretischen Grundlagen des Marxismus, Moskau 1938, 1.dtsch. Ausgabe.
[1] So von mir aus folgenden Abschnitten ersehen: BRECHT1-Abs.3, S.244-Abs.4, S.241-Über rationellen und emotionellen Standpunkt, S.243, zweiter und dritter Absatz-ganz deutlich der ganze Abs.8, S.246: „Diese gesellschaftliche Umfunktionierung macht einen völligen Umbau der Technik nötig.“
[2] So sehr gewollt und nachträglich gesetzt, daß sich viel Widersprüchliches zwischen dieser theoretischen Konzeption und den konkreten Stücken findet.
[3] BRECHT1, S.240
[4] BRECHT1, S.241.
Unterstreichungen von mir.
[5] Ebd. Unterstreichung von
mir.
[6] Ebd. S.246. Unterstreichung von mir.
[7] Außerdem, daß sie den Klassenkampf beschwichtige, der aber scharf und kompromiß- und vor allem mitleidslos sein muß. Und daß sie dem Deuten der Welt keine Veränderung folgen läßt.
[8] BRECHT1 S.242.
[9] BRECHT2, S.47
[10] BRECHT1, S.245, Unterstreichung von mir.
[11] BRECHT1, S.246, Unterstreichungen von mir.
[12] BRECHT2, S.48
[13] Ebd.
[14] Ebd., S.53
[15] BRECHT1, S.251
[16] vgl. BRECHT1, S.252
[17] Seltsam, wie Brecht das im Text begründet: „Von Natur habe ich keine Fähigkeit für die Metaphysik;[...] wie sich die Begriffe miteinander vertragen, das sind für mich spanische Dörfer.“(BRECHT1, S.251) Wie kann man so eine banale Begründung verstehen? Will er vielleicht den Zusammenhang seiner Theorie mit dem Marxismus absichtlich verschleiern? Oder ist das abfällige Ironie?
[18] LAW in 12 Bdn., Bd.XI; Die theoretischen Grundlagen des Marxismus, Moskau 1938, 1.dtsch. Ausgabe. S.17. Für die Zitate ist auf Engels „Anti-Dühring“ verwiesen.
[19] BRECHT1, S.253
[20] BRECHT1, S.256
[21] Angefangen vielleicht mit dem Abschnitt [Betrachtung großer Ingenien] in Studium des Marxismus, BRECHT2, S.63: „Die großen Ingenien tauchen in den jeweils führenden Klassen auf und sind entweder am Zustandekommen der Führung oder der Entreißung beteiligt. Anders gesehen: Als groß werden die Individuen bezeichnet, welche ihrer Klasse oder der sie ablösenden zum Sieg verhelfen.“
[22] Kunst ist dabei der Wissenschaft nachgeordnet. Für Brecht mitunter gleichbedeutend, oder besser Kunst gibt es dabei garnicht.
[23] LAW in 12 Bdn., Bd.XI; Die theoretischen Grundlagen des Marxismus, Moskau 1938, 1.dtsch. Ausgabe. S.15
[24] Zumal ja über jede vermeindlich freie Entscheidung und deren Wirkung erst nach ihr reflektiert werden kann. Und Geschehenes läßt sich einfacher im Nachhinein als gegenüber den Bedingungen notwendiges Geschehen darstellen.
[25] HULTBERG, S.121
[26] BRECHT1, S.263
[27] Ebd.
[28] Ebd., S.265. Außerdem bedürfe die Kunst der Wissenschaft, denn „...ich meine, daß die großen verwickelten Vorgänge in der Welt von Menschen, die nicht alle Hilfsmittel für ihr Verständnis herbeiziehen, nicht genügend erkannt werden kann.“(Ebd., S.268) Zur Frage Kunst und Wissenschaft vgl.2.
[29] Brecht trennt die Begriffe episches Theater und Lehrtheater kaum.
[30] BRECHT1, S.267
[31] Ebd., S.271
[32] Ebd., S.272. Unterstreichungen von mir.