FU-Berlin, Fb Germanistik Frank Sorge
SS 98 Fritz-Erler-Allee
67a
GK C: Neidhart 12351
Berlin
Dozent: Dieter Kartschoke ImN: 3222320
Spiegelraub
-Verfallssymbol
und Markenzeichen-
0.
Einleitung
1.
Spiegelraub
als Verfallssymbol
1.1 Spiegelraub und Dörperlieder
1.2 Spiegelraub und Schuld
1.3 Ansprechpartner Publikum; die „vriunde“
2.
„Markenzeichen“
3.
Spiegelraub
und Minnedienst
4.
Literatur
0. Einleitung
Wenn
in einem umfangreichen Werk ein kleines Motiv, ein Rückverweis auf eine
Begebenheit häufig auftaucht. Einmal für ähnliche Situationen eine feste
Prägung bietet. Anders aber auch in ganz neue Zusammenhänge gebracht wird, also
möglicherweise die Spuren der Entwicklung und Weiterentwicklung eines Motivs
über große Zeiträume des Liedschaffens zu beobachten sind. Liegt dann nicht die
Vermutung nahe, hier schimmere ein dünner roter Faden durch ein Gesamtwerk, der
geeignet ist, sich durch die Netze einer Liedersammlung zu tasten?
So
natürlich hier, in den Liedern Neidharts, der in zwölf Liedern der Riedegger
Handschrift direkt genannte Spiegelraub des Dörpers Engelmâr, der dem „Ich“ der
Lieder Anlaß für zornige Ausrufe, Vergleichsverfehlung zur Bewertung anderer
Figuren und „allegorische Chiffrierung“[1]
ist.
Warum
ein so umfangreiches Motiv neben anderen ähnlichen, aber nicht so intensiv ausgeformten
Motiven oder Begebenheiten, steht, aber eben umfangreicher ist, ist eine Frage.
Worin liegt der Unterschied zu anderen, nur einmalig auftauchenden, Erwerbungen
eines Liebespfandes, wozu der Spiegel zu rechnen ist, dem Ringdiebstahl[2],
das Entreißen eines Balles[3]
oder der Raub eines Ingwergewürzes während des Tanzes[4]
sowie viele andere Unverschämtheiten „dörperlicher“ Burschen an „dörperlichen“
Frauen?
Diese
treten immer im Rahmen derber Ungeschicklichkeit beim Tanze, und als Zeichen
ungezügelten Benehmens bei unverfrorener Werbung um Tanzpartnerinnen, um
Bauernmädchen, auf. So wie auch der Spiegelraub im Sommerlied 22[5]
in aller Deutlichkeit in einer Konkurrenzsituation beim Werben. Und nachdem in
den vorhergehenden Sommerliedern der ritterliche Sänger in der „dörperlichen“
Tanzgesellschaft die Frauen konkurrenzlos umwerben konnte, ist zum ersten und
einzigen Mal in den Sommerliedern ein „Dörper“, nämlich Engelmâr, in scharfer
Rivalität zum Ritter, ohne Beachtung ständischer Unterschiede und Vorrechte.
Ist
das schon eine ausreichendes Merkmal auf den quantitativen Unterschied der
Motive, weil der Spiegelraub als vermeintlich erstes deutliches Zeichen „dörperlicher“ Auflehnung[6]
steht und alle anderen Auflehnungen und Frechheiten nur noch Wiederholungen
dieser ersten sind?
Für
eine solche Begründung sind sowohl die strittige Chronologie der Lieder als
auch das mangelnde Wissen um den Vortrag Neidharts (spielte er immer mehrere
ausgewählte, gar in Zyklen gestaffelte Lieder etc.) und anzunehmende Lücken in
der Überlieferung ausreichende Begründungen für Zweifel.[7]
Bleibt
weiter als Frage, warum gerade dieses Motiv zur Lieblingsanspielung des
Dichters Neidhart wurde? War es ein besonders deutliches Bild? Gefiel es dem
Publikum, und wenn, warum gerade dieses? Oder stecken gar doch biographische
Vorfälle des Dichters Neidhart hinter der Konstellation Neidhart, Engelmâr und
Friederun und, da eine solche Annahme aus den Texten allein nicht zu gewinnen
ist, müssen wir bei solchen losen Vermutungen stehenbleiben? Und gibt uns das
Spiegelraub Motiv wirklich Ansätze zur Interpretation des Gesamtwerkes, wohin
führt der Faden?
1. Spiegelraub als Verfallssymbol
In
dem Kommentar zum WL25[8]
in der Auswahl der Reclam Ausgabe findet sich zum auftauchenden Verweis auf den
Spiegelraub: „Wie in Lied 14 spielt Neidhart auf Engelmars Spiegelraub an, auf
ein Ereignis, das zwar nie direkt erzählt wird, als Symbol für die
unaufhaltsame Auflösung der hergebrachten Ordnung und den bedrohlichen Einbruch
des Dörperlichen in die ritterliche Welt aber immer wieder in den reifen und
späten Winterliedern auftaucht.“[9]
Stichwortgeber
für diese Bemerkung ist zweifellos H. de Boor. In der vom Herausgeber der
Reclam Ausgabe paraphrasierten Stelle in der Geschichte der deutschen Literatur
Bd.2 ist der „Einbruch der bedrohlichen außerritterlichen Welt in Kreis und
Recht des Rittertums“[10]
mit dem Spiegel als Zeichen der höfischen Frau begründet und de Boor erweitert
den Raub mit der nie vollzogenenen
Rache, daß das lyrische Ich den Raub nicht verhinderte und daß Friderun den
Spiegel offensichtlich nicht zurückerhält zu dem „Symbol der Auflösung gefügter
Ordnung und geprägter Daseinsform“[11].
Gert
Kaiser meint, daß diese Deutung de Boors „im wesentlichen der Forschungsstand
geblieben“[12] sei, was
die Deutung der Symbolik betrifft.
Dem
sei nachzugehen, besonders auch, da eine so weitläufige These, die der
Erwähnung einer kleinen Geschichte so viel zutraut, schon aus sich selbst
überprüfungsbedürftig ist.
Das
soll nun in drei Schritten versucht werden: Im ersten soll das Verhältnis der
Dörper, als fiktive bäuerliche Kunstwelt, die aber auch durchaus auf die
Realität antworten könnte, zum ritterlichen Sänger, als den Vertreter der
höfischen Welt, untersucht werden, in Hinblick auf den Einfluß des Spiegelraubs
als symbolische Unterstützung der These vom bedrohlichen Einbruch des Dörperlichen
in die höfische ritterliche Welt.
Im
zweiten Schritt soll der Wandel des Motivs, von einer vergleichenden Erwähnung
des Raubs zur Einführung und Aburteilung anderer Dörperburschen, in die
schuldzuweisenden späteren Lieder, untersucht werden, denn hier ist von
Auflösung gefügter Ordnung die Rede.
Zuletzt
dann ein Blick auf das mögliche Publikum, die Adresse der Lieder, und ob sich
nicht aus dieser Frage erst eigentliche Deutungen ergeben können.
1.1
Spiegelraub und Dörperlieder
Die
vielzähligen Überlegungen zur Gruppierung und Periodisierung der Lieder
Neidharts übergehend, wird im folgenden davon ausgegangen, daß eine ungefähre
Chronologie in der Folge: Sommerlieder, frühe und späte Winterlieder vorliegt,
daß die Mehrzahl der Sommerlieder und etwas mehr, als die Hälfte der
Winterlieder in Bayern zwischen 1210 und 1231 entstanden sind, die restlichen
Winterlieder in den Jahren nach 1231 in Österreich. Außerdem wird in der Frage
der Reihenfolge der Lieder grob nach der Riedegger Handschrift vorgegangen.
Demnach
markiert der Spiegelraub in SL22, Engelmârs Eindringen in die Liebesangelegenheiten
des ritterlichen Sängers „von Riuwental“, einen plötzlichen Umschlag im
Verhalten der Dörper gegenüber dem Sänger, im Verhalten gegenüber den
vorhergehenden Sommerliedern. Jürgen Schneider beschreibt Engelmârs Verhalten
so: „Wer hätte dies je zuvor gewagt? Wer hätte den Mut und die Vermessenheit
besessen, in den Tätigkeitsbereich des Ritters einzudringen und ihm - den
ständisch Privilegierten, Bevorrechteten und Überlegenen - die Geliebte (...)
wegzuschnappen bzw. abspenstig zu machen?“[13]
„mirst an Engelmâren
ungemach,
daz er Vriderûnen
ir spiegel von
der sîten brach.“[14]
Daß
es der ritterliche Sänger auf Friderun abgesehen hatte, wird in Strophe II
durch einen geschenkten Kranz klar gemacht:
„der sante ich Vriderûnen
einen <wolgetânen> kranz.“[15]
Der Sänger bemerkt auch, daß Engelmâr
ähnliche Absichten hegt. Er bemerkt den Dörper, während Friderun sich in die
Schar der Mädchen einreiht.
„des nam anderthalben
Engelmâr vil tougen war.“[16]
Engelmâr
mißachtet bewußt Status und adlige Geburt des Ritters, macht dem Ritter die
selbstverständliche Gewohnheit der vorherigen Werbungen streitig. Verbunden mit
den weiteren Verweisen auf den Spiegelraub in den Winterliedern, in den das
„Dörperliche“ breit ausgeformt ist und variiert wird, die Dörper in drastischer
anti-höfischer und unkultivierter Art in den privilegierten ritterlichen
Lebensbereich einbrechen, und ,vor Allem, der ritterliche Sänger im Konflikt mit
diesen als Verlierer hervorgeht, ist der Spiegelraub auch als erstes frühes,
für die Winterlieder charakteristisches, „Dörperelement“ zu bewerten. Gert
Kaiser bemerkt, mit Verweis auf die Gruppierung bei Beyschlag[17],
daß die Rückverweise auf den Spiegelraub in den Winterliedern auch auf eine
besondere Gruppe der Winterlieder begrenzt ist, „...jene Lieder, in denen sich
die <klassischen> Minnesangstrophen Neidharts finden, freilich eben in
der spezifisch <falschen> Applikation auf die nichthöfische vrouwe und dem unvermeidlichen
Schicksal, an den dörpern zu
scheitern.“[18]
Dem
folgend würden also das Motiv Spiegelraub und die Lieder, in denen Konflikte
der Dörper mit dem ritterlichen Sänger auftauchen, wesentlich zusammengehören.
Auf
der Ebene einer fiktiven Kunstwelt, brechen die Dörper, das Bäuerliche, so sehr
künstlich es auch scheint, in die Vorrechte des ritterlichen Sängers, dem
einzigen Vertreter der höfischen Welt, ein, auch deutlich bedrohlich. Dieser
Teil der symbolischen Deutung des Spiegelraubs, insofern er zwingend mit den
Dörperliedern zu denken ist, scheint also schlüssig.[19]
1.2
Spiegelraub und Schuld
Im
Winterlied 32 ist eindeutig, wem die Schuld für das persönliche Leid des
Sängers gegeben wird:
„Schouwet an mîn hâr,
daz gevar ist als ein îs!
Daz grâwet mir (des ist niht rât),
wande mir von getelingen niwan leit geschach.
jener Engelmâr,
von des schulden bin ich grîs,
der hiute noch den spiegel hât,
den er dörper Vriderûnen von der sîten brach.
von der zît
immer sît
warp ich nimmer mêre,
ich enhiete ein iteniuwez herzenleit.“[20]
Diese
Schuld, die das persönliche Leid des Sängers betrifft, wird an anderer Stelle
zur überindividuellen Schuld an den desolaten Zeitzuständen , Engelmâr wird jedoch
nicht für das Verschwinden der drei Werte „vreude“, „zuht“ und „êre“
verantwortlich gemacht, er hält nur als Verweis her:
„Ê dô kômen uns sô vreuden rîchiu jâr,
dô die hôchgemuoten wâren lobesam:
nu ist in allen landen niht wan trûren unde
klagen,
sît der ungevüege dörper Engelmâr
der vil lieben Vriderûne ir spiegel nam.
dô begunde trûren vreude ûz al den landen
jagen,
daz si gar verswant.
mit der vreude wart versant
zuht und êre; disiu driu sît leider niemen
vant.“[21]
Seit der Episode mit Engelmâr, begann die Trauer die Freude aus dem
Land zu jagen.
Was
dem Sänger persönlich widerfuhr, in Form des Spiegelraubs, steht also als
Beispiel für ein die ganze Gesellschaft betreffendes Problem. Einen Verfall von
Werten wie Zucht und Ehre und dem Verschwinden der Freude.
„von iuwern schulden hân ich
disiu leit, her Engelmâr.
Sît von iuwern handen Vriderûn den spiegel
vlos,
so ist unbildes vil geschehen
[...]
dazs in hundert jâren nie sô vil dâ vor
geschach.“[22]
Wieder
das deutliche „sît“, Engelmâr steht exemplarisch für einen Beginn, einen Keim
blühender Mißstände.
Jürgen
Schneider sieht die letzte Steigerung und einen erneuten Umschlag, die Wendung
der Schuld auf die Minneherrin, in den Werltsüeze Liedern. Hierzu sei mir ein
längeres Zitat erlaubt: „Doch dann erfolgt in den sogenannten
Werltsüeze-Liedern interessanterweise der Umschlag der Antipathie von den
<dörpern> auf die <vrouwe>, die, in einem weiteren Schritt als
<Werltsüeze> apostrophierte Minneherrrin, in drastischer Weise von dem
Sänger aufs übelste beschimpft und verunglimpft wird, daß sie ihre <êre>
veruntreut hat, indem sie sich <schamelôse valsche diet> (82, 28) zum
<gesinde> an ihren <hof> gewählt hat. Das Angriffsziel der
Verachtung [...] (bildet) primär die Minneherrin, die nachgiebige,
<êrelose>, <valsche> und <wandelbaere> <vrouwe>, im
weiteren Sinne die personifizierte Minne - also Frau Minne - und die höfische
Minne überhaupt. Und damit ist die gesamte (un-)höfische ritterliche Gesellschaft
angesprochen und in ihrem Kern getroffen.“[23]
Denn
die Schuld ist von Engelmâr und den Dörpern auf ein Defizit der Minne gewendet.
1.3 Ansprechpartner
Publikum, die „vriunde“
Der
Ritter büßt, seit dem „Erlebnis“ im SL 22, in der Konfrontation mit den Dörpern
immer wieder Sozialprestige gegenüber einer sozial niederen Gruppe ein und
sinnt nach Rache:
„an der lieben Vriderûnen huop ez Engelmâr,
der ir spiegel nam,
des im gouche niht gezam.
Des ist unvergezzen, ich getuo ir einem sînes
herzen küneginne alsam.“[24]
Es
bleibt allerdings bei den vielfältigsten drastischen Verwünschungen und
Drohungen, bei Hohn und Spott (bei Schneider ist eine Zusammenstellung der
teilweise außerordentlich brutalen Androhungen nachzulesen[25]),
der gegen die dörperlichen Angriffe geäußert wird. Nirgends wird vom Vollzug
solcher Drohungen berichtet.
In
diesen Zusammenhang gehört noch, daß der Sänger immer alleine den „Dörpern“
ausgeliefert scheint, und das auch seinen „vriunden“ klagt. Was, so Jürgen
Schneider: „nach der Konzeption des Autors heißen will: als einzeln Agierender, also repräsentativ und exemplarisch sein soll: nur er gerät in direkte Kollision mit einzelnen Vertretern oder Gruppen der
<hiuzen dörperdiet>, nur er
scheint der Beteiligte oder Betroffene zu sein.“[26]
In
den „vriunden“ läßt sich sicherlich das höfische Publikum sehen. Eine über die
Personen der Lieder hinausgehende personale Ebene, die aber zum Erlebnis der
Lieder gehört. Denn der Sänger spricht aus dem Erzählen seiner „Erlebnisse“
retrospektiv zum Publikum, daß er als „vriunde“ anspricht, fragt, bittet etc.,
es also so in die Liedwelt mit einbezieht.
Meine
Anführungsstriche deuten das Problem an: wo ist die Trennlinie zwischen Fiktion
und Realität zu ziehen, zwischen „Erlebnissen“, für die der Spiegelraub das
meistgenannte Beispiel ist, und Publikum, „vriunden“ und höfischen
Ansprechpartnern, der Zielgruppe möglicher Intention?
Warum
erzählt Neidhart seinem Publikum vom Konflikt des Sängers, dem Repräsentant der
höfischen Welt, also auch mögliche Identifikationsfigur der Zuhörer, mit den
Dörpern, der bäuerlichen Kunstwelt, dessen reale Entsprechung, also auch dessen
bedrohlicher Einbruch, fraglich ist?
Meine
Vermutung ist die: von einer Bedrohung der adligen Zuhörerschaft durch Bauern, der
Bedrohung, die Neidhart in seinen Liedern thematisieren könnte, um auf das
Sichtbare hinzudeuten, kann allenfalls in Ansätzen, vielleicht Einzelfällen,
die Rede sein, ist also für keinen Zuhörer bedrohlich. Weiterhin wirkt die
Situation zwar für das fiktive Sänger-Ich im Lied durchaus lebensbedrohend, die
Dörper bleiben aber plump, der Sänger selbstironisch, nicht zuletzt in seinem
Namen „von Riuwental“. So wirkt wohl keines der Lieder wie eine Warnung vor
konkreten Zuständen, vielmehr wie ein Witz.
Jürgen
Schneider meint: „Literatur übt hier eine Ventilfunktion aus, und zwar in dem
Sinne, daß das in der historischen Faktizität nicht mehr aufzuhaltende Vordringen
des Bauern in den sozial privilegierten Lebens- und Betätigungsraum des Ritters
[...] sublimiert wird.“[27]
Der Spiegelraub sei „Katalysator und Initialzündung für die heftigen Spannungen“[28],
gestaltgebend für die Winterlieder, Inhalt und Gestalt dieser bestimmt „aus der
Opposition und Konkurrenz des Dörperlichen, als des anti-höfischen,
vital-ungehemmten Lebensbereiches und des Höfischen, als des normativ-konventionell
gebundenen Lebensbereiches.“[29]
Vermittelt durch den Sänger, „der Nutznießer und Partizipient beider Welten ist.“[30]
Ich
möchte dem eben zitierten nicht absprechen, daß es vielleicht plausibel ist.
Aber existieren nicht doch noch zu viele Fragezeichen für eine solche Deutung?
Wird hier nicht auch wieder, wenn auch geschickt, auf eine nicht
nachvollziehbare Biographie hin gedeutet?[31]
Ist
nicht auch hier die Stilisierung des Dörperlichen und die Selbstdarstellung als
ritterlicher Sänger zu real genommen?
Was
dann allerdings die von mir als schuldzuweisenden Strophen bezeichneten Verse
anderes tun, als Sündenböcke zu definieren, Ventil oder Sublimation zu sein,
bleibe ich erst einmal schuldig.
2. „Markenzeichen“
Wenn
man davon ausgegeht, daß einem „Stammpublikum“ die Lieder Neidharts vertraut waren,
daß sie aufmerksam mit den vielfältigen Rückverweisen Neidharts umzugehen
wußten, sie vielleicht sogar verlangten, wie eine dem Publikum in den Mund gelegte
Frage nach dem Verbleiben alter Bekannter im WL 21 nahelegt,
„Ir ist vil, die wundert daz umb Uozen unde umb Anzen,
daz ich ir sô lange in mînem sange hân
verswigen“[32]
dann
kann man auf zweierlei Art von den Rückverweisen als „Markenzeichen“ sprechen.
Zum
Einen könnte es ein Eingehen auf wirkliches Interesse der Zuhörer sein, also
bedient er das Publikum mit dem, was für ihn typisch ist, und mit dem er
erfolgreich gewesen zu sein scheint. Er identifiziert die Dörpergeschichten mit
sich als Sänger.
Zum
Anderen liegt in dem bewußten Ausschöpfen der Eigenarten und selbstkreierten
topoi, und den motivlichen
Rückverweisen auch der Anspruch an das Publikum, daß es ihn daran
erkenne.
Elisabeth
Lienert in der Beurteilung des Spiegelraubes als „Markenzeichen“ so weit: „Man
könnte fast sagen: von jetzt an erkennt man Neidharts Gesang an den
Spiegelraub-Anspielungen.“[33]
Ich möchte etwas aus Punkt 1.1 wieder heranholen: Spiegelraub und Dörperkonflikt
hängen wesentlich zusammen. Wenn man das mit der eben zitierten Stelle
verbinden würde, klingt hier an, der rote Faden für das Gesamtwerk fände sich
tatsächlich im Spiegelraub Motiv.
3. Spiegelraub und
Minnedienst
Im
Sommerlied 22, dem Ausgangspunkt der Spiegelraub Verweise, bleibt über die symbolische
Behandlung in Punkt 1.1 noch etwas unbemerkt. Denn beinahe scheint es, als sei
der Sänger am (drohenden oder schon vollzogenem?) Abwerben Friederuns verstummt.
Er singt nicht das anstehende Tanzlied,
„gegen der zît,
sô die sumerwünne
manegem herzem vreude
gît.“[34]
Er
ist unfähig, zu singen. Es hindern ihn vorgeschoben die etwas unklaren Sorgen
um ein Gut, rückt dann erst mit der Sprache raus:
„wie sol ich gebâren?
mirst an Engelmâren
ungemach,
daz er Vriderûnen
ir spiegel von der
sîten brach.“[35]
Er
kann nicht singen, weil er sich über Engelmâr empört, der Friederun den Spiegel
von der Seite gebrochen hatte. Im
Winterlied 23 ist Engelmâr für erfolgloses Werben und verlorenes Glück des
Sängers verantwortlich. Die Erfolglosigkeit beim Werben ist auch Thema des Winterlied
25, wieder steht der Spiegelraub Pate.
Es
scheint, als sei seit dem Raub sein Minnedienst und Minnesang nutzlos geworden.
Immer drängelt sich ein Dörper dazwischen und verhindert die Minnepraxis.
Gert
Kaiser sieht hier den Spiegelraub als „Zeichen des Niedergangs der Minnepraxis“[36]
„Vrômut ist ûz Ôsterrîche
entrunnen:
wir mugen uns ir und Vriderûnen wol
verkunnen.
Den spiegel solte wir verklagen,
Vrômuot ûf den handen tragen,
dies uns her wider gewunnen“[37]
Ähnlich
zu dieser Stelle Birkhan: „Das alles, Verlust der rechten Minnepraxis und die
dörperlich-diabolische Usurpierung der höfischen Freude, meint m.E. der
Dichter, wenn er den Verlust der Vrômuot beklagt und diesen mit dem Verlust des
Spiegels als Sinnbild der höfischen Freude parallelisiert.“
Als
altes Symbol des Spiegels für die Minne bei Morungen, Wiederspiegelung des
liebenden Individuums im Bild der Geliebten, deute der Spiegelraub den Verfall
der Minnekultur an.
So
sei auch der Verlust der „vreude“ mit dem Raub des Spiegels, Zucht- und
Ehrlosigkeit, symbolisch eindeutig.
Mir
scheint diese Deutung auch dem Spiel Neidharts mit minnelyrischen Konventionen im
Allgemeinen klarer beigeordnet. Den zweierlei Liedtypen, Sommer- und Winterliedern einen logischen
Grund zuweisend.
Die
noch offengelassene Schuldfrage bekommt eine mindestens ebenbürtige
Alternativantwort, die symbolische Deutung des Spiegels einen fundierteren
Kern.
Doch
auf eine seltsame Weise schleicht sich eine biographische Romantik immer ein,
wie bei diesen fast melancholischen Zeilen, wo man ungern Sänger und lyrisches
Ich trennt:
„von der zît
immer sît
warp ich nimmer mêre,
ich enhiete ein iteniuwez herzenleit.“[38]
4. Literatur
Die
Lieder sind zitiert aus:
-(ATB
44)Edmund Wießner (Hrg.):Die Lieder Neidharts. 3.Aufl., Tübingen 1968
Aus
folgender Literatur wurde im Text zititert:
-SCHNEIDER,
Jürgen: Studien zur Thematik und Struktur der Lieder Neidharts, Teil I. GAG,
Göppingen 1976
-LOMNITZER,
Helmut: Neidhart von Reuenhal-Lieder. Auswahl mit Melodien zu neun Liedern.
Stuttgart 1984
-KAISER,
Gert: Narzißmotiv und Spiegelraub. In:Horst Brunner: Neidhart.(WdF 556), Darmstadt
1986. S.320-333.
-LIENERT,
Elisabeth: Spiegelraub und Rote Stiefel - Selbstzitate in Neidharts Liedern.
ZfdA 118 (1989), S.1-16
-DE
BOOR, Helmut: Die höfische Literatur. Geschichte der deutschen Literatur, Bd.2.
München 1953.
Folgende
Literatur war Lektüre im Hintergrund:
-BIRKHAN,
Helmut: Neidhart von Reuental-Aspekte einer Neubewertung. Wien 1983
-WIEßNER,
Edmund: Kommentar zu Neidharts Liedern. Leipzig 1954
[1] SCHNEIDER, S.205; ausführliche Titel in 5.
[2] ATB; WL18, IV,1-3
[3] ATB; WL10, VI, 4
[4] ATB; WL24, V, 5-7
[5] Zählung im Text ebenso nach ATB
[6] Fand hier Neidhart nach ersten Ansätzen in den vorherigen Sommerliedern sein Motiv, sein Thema und damit sein Markenzeichen?
[7] Die frühe Neidhart Forschung, die aus den Liedern noch eine 1:1 Biographie herstellte, vertrat diese Begründung, natürlich mußte dieses erste Erlebnis das traumatische sein.
[8] ATB Zählung, bezogen auf VII, 12-15
[9] LOMNITZER, S.104
[10] DE BOOR, S.365f
[11] Ebd.
[12] KAISER, S.327
[13] SCHNEIDER, S.210
[14] ATB, SL22, VI, 5-8
[15] Ebd. II, 7-8
[16] Ebd. IV, 7-8
[17] Die unter dem Titel: „Minnedienst. L.33-56“ in Beyschlags Ausgabe zusammengestellten
[18] KAISER, S.329
[19] Ich lasse hier alle Dingsymbolik bei de Boor beiseite.
[20] ATB, WL32, V, 1-12
[21] ATB, WL34, V
[22] ATB, WL 23, IV, 13-V, 4
[23] SCHNEIDER, S.221f
[24] ATB, WL25, VII, 12-15
[25] SCHNEIDER, S.213f
[26] SCHNEIDER, S.215 -Sperrungen bei Schneider sind hier kursiv.
[27] SCHNEIDER, S.227
[28] Ebd. S.228
[29] Ebd.
[30] Ebd.
[31] Ich verweise auf meine Einleitung. Setzt nicht diese psychologischen Deutung auch ein traumatisches biographisches Erlebnis Neidharts voraus?
[32] ATB, WL 21, VII, 1-2
[33] LIENERT, S.10
[34] ATB, SL22, V, 6-8
[35] ATB, SL22, VI, 4-8
[36] KAISER, S.331
[37] ATB, WL 27, VIII
[38] ATB, WL32, V, 9-12