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{Die geheimen Film-Tagebücher} Genaugenommen natürlich nur einzelne Eintragungen der umfangreichen Tagebücher, die während der Ideenfindung und des Drehs und der Nacharbeiten, angefertigt wurden. Die Wiedergabe erfolgt ohne Datumsangabe, weil ich den tatsächlichen Zeitrahmen der Entstehung des Films möglichst im Dunkeln halten möchte.

{Die geheimen Film-Tagebücher}

(1) Liebes Tagebuch.
War gestern bei Robert. Haben mehrere Rotweine geköpft und uns über Karl den Großen, den allgemeinen Moralverlust der Gesellschaft und Süßwasserschildkröten unterhalten. Dann, wie wir reich und berühmt werden. „Vielleicht sollten wir ein Buch schreiben?“, schlage ich vor.
„Zu anstrengend!“, sagt Robert. „Oder wir werden Terroristen?“ „Du warst doch nicht mal beim Bund!“ „Außerdem“, ergänzt Robert, „muß ich erstmal umziehen. Hilfst du mir?“
„Äh, na ja, wann denn, äh, vielleicht, äh, hab ich da schon was vor, oder bis dahin bestimmt…?“, versuche ich das Schlimmste zu verhindern. „Ich habe mir so gedacht“, führt Robert aus, „daß du tapezierst, und streichst, und verspachtelst, die Böden schleifst, die Türen und Fenster lackierst, und was sonst noch so anfällt!“ „Und du?“ „Ich mach das Catering. Pizza, Bier und was man so braucht.“ „Die Pizza macht doch aber der Pizzabäcker, und das Bier die Brauerei!“ „Dann nenn es die Logistik!“
Ich weiß, wenn mir nicht schnell etwas einfällt, ist es zu spät.
„Vielleicht solltest du tapezieren und streichen, spachteln, schleifen, lackieren und was sonst noch so anfällt, und ich mache einen Film darüber? Wollte ich schon lange machen...“, appelliere ich an seine Eitelkeit.
„Einen Film übers Tapezieren?“ „Nein, über dich, deinen Umzug. Ist doch ein gutes Filmthema. Du ziehst vom Friedrichshain in den Wedding und die Kamera ist von Anfang bis Ende dabei. Weil doch der Wedding jetzt zum Friedrichshain wird…“
„Der Wedding wird zum Friedrichshain…?“, Robert zieht die Stirn kraus. „Ja, und das ist dann so eine Art Dokumentation, aber auch ein spiritueller Film. Jemand geht auf die Reise, jemand verändert sich und seine Umgebung und das alles an Beispielen, die jeder kennt, weil jeder mal umgezogen ist!“
„Ein spiritueller Film…?“
„Natürlich! Außerdem der erste Lesebühnen-Film.“ Und eine Kamera ist leichter als Hammer und Bohrmaschine, denke ich, oder sie steht auf einem Stativ. Vor allem macht sie keinen Staub und keinen Lärm und niemand kann später sagen: „Das Regal ist aber schief!“
Liebes Tagebuch, ich hab es mal wieder geschafft, mich erfolgreich um unangenehme Arbeiten mittels künstlerischer Betätigung zu drücken. Außerdem werden wir jetzt alle reich und berühmt.

(2) Liebes Tagebuch
Heute gab es die ersten Reibereien. Robert wollte lieber die billige Farbe nehmen, ich wies ihn darauf hin, daß Einbußen in der Brillanz und Leuchtkraft die Bildkomposition stören könnten. Außerdem schaut Robert jetzt immer so böse, wenn er auf dem Fußboden herumkriecht und Teppichkleber entfernt, während ich hinter der Kamera stehe und konzentriert die Automatik laufen lasse. „Wir brauchen Komparsen!“, grummelt er am Nachmittag und dreht sich erschöpft eine Zigarette. Wir rekrutieren Nils.
Später ruft mich Martin (Scorsese) an und erzählt, er säße hier gerade mit Steven (Spielberg) bei einer Tasse Tee und sie würden sich fragen, was eigentlich mein Film machen würde.
Ich sage ihnen, daß es schwer ist, gute Komparsen zu finden. Die wenigsten könnten ordentlich tapezieren, oder streichen, ohne zu kleckern. Außerdem, daß es spätestens beim nächsten Film keine Kompromisse in Budgetfragen mehr geben dürfe. Zur künstlerischen Entfaltung dürfe es keine Grenzen geben. Sie stimmen mir zu.
Nur Robert murrt, die großen Filmlampen vor seinen Fenstern würden ihn den Schlaf kosten. „Es kostet dreimal so viel, sie aus- und einzuschalten, als wenn sie einfach die Nacht über weiterleuchten“, erkläre ich ihm, aber er will nichts davon wissen. „Filmstars!“ denke ich abschätzig und bestelle einen Satz Schlafmasken.

(3) Liebes Tagebuch
Robert nervt. Mittlerweile weigert er sich sogar, auf die Leiter zu steigen und der zusätzliche Stuntman verursacht unerwartete Kosten. Außerdem verlangt „Herr Rescue“ ausgefallene Pizzabeläge, die das Catering verzweifeln lassen… Walfisch-Ginseng-Pizza zum Beispiel, Kängeruh-Trüffel oder Nasenfrosch-Nieswurz. Plötzlich will er eine weibliche Nebendarstellerin und seit die da ist… na ja, er tut auf jeden Fall keinen Handschlag mehr an seiner Wohnung. Das machen jetzt alles Firmen und selbst die Komparsen streichen mit trockenen Pinseln und alles wird später nachbearbeitet. Das Special-Effects-Budget ist bereits weiträumig überschritten… aber ich habe einen Plan. Die Casting-Scouts sind schon überall in der Bundesrepublik unterwegs, um ein Robert-Double zu finden und dann… es gibt da diese Auftragskiller, mit denen er schon mal zu tun hatte, wegen einer nicht bezahlten Rechnung von knapp 30 Euro, die warten nur darauf, es ihm heimzuzahlen. Liebes Tagebuch, es tut mir leid, aber ich glaube, ich muß dich später verbrennen. (Fortsetzung folgt))

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